Ich sollte ins Internat ... und da war ich auch

In den Jahren 1919 – 1997 lebte im Kloster Obermarchtal der Konvent der Schwestern  von der Heimsuchung  Mariä. Sieben Schuljahre verbrachte  ich in dem Mädchenpensionat. Die Schwestern  begleiteten mich in dieser Zeit des Erwachsenwerdens. Nach meinem  Ausscheiden aus dem Internat blieb ich all die vergangenen Jahrzehnte  eng mit den Schwestern  verbunden. Eines Tages beschloss ich, nicht nur den Zeitgeist der damaligen  Institution „Schule“ aufzuschreiben, sondern  ebenfalls das „Drumherum“. Dieses Buch, das ich allen Schwestern  der Heimsuchung  Mariä widme, soll einen Einblick in vergangene Zeiten der 60er- und 70er-Jahre  geben.  Es kann aber nur eine Dokumentation aus subjektiver Sicht sein. Meine eigenen  Empfindungen  und die der beteiligten  Mädchen  können  nicht das widerspiegeln, was andere  Schülerinnen dieses Internats während ihres Aufenthaltes empfunden haben.  Und dennoch werden viele erwähnte Begebenheiten bei ehemaligen Zöglingen Erinnerungen  wecken,  die ihnen unvergesslich bleiben. Viel Erlebtes hatte  ich noch sehr gut in Erinnerung und auch schriftliche Unterlagen  unterstützten mich bei diesem Vorhaben.  Trotzdem nahm  ich zwei ehemalige Internatsschülerinnen mit ins Boot. Immer wieder kreuzten sich unsere Wege. Und so war es selbstverständlich,  dass diese mich tatkräftig  mit ihren Erinnerungen  unterstützten.

 

Für jüngere Generationen mag der Inhalt des Buches der Eintritt in eine andere  Welt sein. Aber für mich war dieser Zeitgeist damals die absolute  Normalität.


 

Leseprobe

 

Das Pensionat ist untergebracht in einem Teil des fürstlichen Schlosses

Das war vielleicht wieder ein Theater! Die Aufführungen zum Bunten Nachmittag hatten ihren Höhepunkt erreicht. Gelächter durchzog pausenlos den ganzen Theatersaal. Das Bühnenbild war eher spärlich gehalten, und bei dem letzten Sketch waren nur ein gedeckter Tisch und drei Stühle vorhanden. Die Bühne war klein und maß gerade mal knappe sechzehn Quadratmeter. Drei Mädchen aus der Handelsschule bewiesen einmal mehr ihr komödiantisches Talent. Es war Faschingszeit, und wir schrieben das Jahr 1971.
Die Mutter, gewandet in eine rosafarbene Rüschenschürze, gespielt von der schusseligen Margret, war ein Gedicht. Sie ließ nun zum zweiten Mal den Löffel fallen und keiner wusste, ob das jetzt zu ihrer Rolle gehörte, oder ob das einfach wieder die schusselige Margret war. Meine Mitschülerin Christine gab ganz souverän die Tante Heidrun. Sie brachte den Mund nicht zu und redete unentwegt. Mein Part beschränkte sich auf die schlagfertige Tochter Lieselotte, was mir wirklich nicht schwer fiel in meinen abgetragenen Jeans. Die tolle Lederfransenweste nach Westernart unterstrich noch mehr mein burschikoses Wesen. Jede Klasse hatte mit ihren vielseitigen Ideen dazu beigetragen, dass dieser Nachmittag unvergesslich werden sollte. Man sang, spielte Theater und hatte Spaß an der selbst produzierten Unterhaltung der allerfeinsten Art. Der große Speisesaal wurde zur Faschingszeit immer kurzerhand zur Theaterbühne umfunktioniert und war am bunten Nachmittag neben der festlich geschmückten Turnhalle die absolute Attraktion.
Nach einem gut zweistündigen Programm waren die Aufführungen zu Ende, und der Beifall für alle weiblichen Akteure nahm gigantische Ausmaße an. Nachdem der letzte Vorhang gefallen war, entledigten sich die Schauspielerinnen ihrer Theaterkleider mit üblich weiblichem Gekreische. „Kinder, bitte nicht so laut!“ Schwester Frederikes Stimme hatte wieder den gewissen Unterton, und der deutete darauf hin, dass sie sich schon nahe an einem Kreislaufzusammenbruch befand. Mit jeder Akteurin, die sich auf der Bühne befand, litt sie unsäglich mit. Das strapazierte ihr Nervenkostüm ungemein. Kurzfristig hatte sie das Chaos der pubertierenden Mädchengruppe ja auch wieder im Griff, jedoch nur kurzfristig. Denn schon hatten sich zwei Mädchen wieder „verbal“ in den Haaren. Ein kurzes Klatschen der Schwester genügte, und alle Akteurinnen waren wieder damit beschäftigt,  ihre Requisiten  an Ort und Stelle zu verstauen. „Ordnung ist das halbe Leben“! Diese Weisheit stand bei Schwester Frederike  an erster  Stelle.  Margrets  Meinung  dazu: „Wer ordentlich isch, der isch bloß z’faul zum Suacha!“ Zwei Frauen, zwei Meinungen.  Und irgendwie  schaffte es auch Margret, den ordentlichen   Vorstellungen  von Schwester Frederike  gerecht zu werden.  Das  letzte  Kleidungsstück war  verpackt, die Bühne hatte sich wieder in ihren ursprünglichen Zustand verwandelt.
Jetzt  erst  lobte  Schwester   Frederike   sehr  zaghaft.  Die  Aufregung  war vorbei  und ihre Gesichtszüge  nahmen  wieder  normale Formen an. „Kinder,  gut habt ihr das gemacht,  großes  Lob!“  Dieser Ausspruch  war schon gleichzusetzen mit einer „Eins mit Stern“ im Zeugnis.  Schwester  Frederike  unterrichtete  neben ihrer Leidenschaft als Theaterregisseurin in der Handelsschule (Kaufmännische Berufsfachschule) die Fächer Stenografie und Maschinenschreiben.
„Gott sei Dank isch heut koi Steno und koi Maschinaschreiba!“, juchzte Margret, als sie hinter der Bühne in ihr „Faschingshäs“ schlüpfte.  Sie war  in Steno  nicht  die  Beste,  doch  das  Maschinenschreiben  bereitete  ihr große  Freude,  und sie schrieb  sehr schnell und fehlerfrei.  Dagegen  waren Betriebswirtschaft und Kaufmännisches Rechnen  nicht gerade ihr Spezialgebiet. „Wenn no scho bald Prüfung  wär!“, meinte Christine,  die gerade ihren mondänen  Hut in die Hand  nahm.  „Jetzt  verdirb  uns doch  bloß net den heutiga Tag!“,  warf  ich  mit  aufgesetztem   Lächeln  dazwischen.  „Dia  Prüfunga kommet  scho no früah gnuag!“ Und bevor Margret wieder mal über ihre eigenen Füße stolperte, kamen ihr gerade noch die obligatorischen fünf Worte über die Lippen: „Des dät i au saga!“ Christine setzte, zickig wie immer, ihren lilafarbenen Hut auf, knickste wie ein Edelfräulein und huschte auch schon davon.
„Bis ihr im Juli die Prüfung ablegt, haben wir noch viel Zeit, Kinder, und das ist gut so“, beruhigte Schwester Frederike die Situation und war auch schon in der Türe verschwunden. Ich packte meinen schwarzen aus Spitze bestehenden Fächer, der mein Kostüm vervollständigte. Heute wollte ich spanisch feiern. Im Haar trug ich einen schwarzen Schleier, der mit einer roten Rose verziert war. Das passende schwarze Satinkleid mit roten Rüschen, dazu die roten Sandaletten standen mir sehr gut. So kostümiert lief ich eilends mit  Bettina  und  Hildegard  den langen Gang entlang.